Allgemein, Deutsch, Eindrücke der Teilnehmerinnen, Frauen, Persönlichkeitsbildung

„Reden wir über Liebe, die nicht kontrolliert, sondern unterstützt!“

Wir haben uns in den letzten Wochen viele Gedanken über Gewalt an Frauen und Mädchen gemacht. Unsere Teilnehmerin Marina R. hat im Deutsch-Training eine Rede mit dem Titel „Deine Stimme, deine Kraft“ geschrieben und in der #futurefactory-Talenteshow vor begeistertem Publikum präsentiert. Ihre Worte sind stark, mitfühlend und fordern sichere Räume für Frauen und Beziehungen ohne Gewalt.

„Hallo miteinander. Danke, dass ihr alle heute hier seid. Danke, dass ihr eure Zeit und Aufmerksamkeit einem Thema schenkt, welches oft ignoriert wird, weil viele es erst sehen, wenn jemand den man kennt davon betroffen ist. Es bedeutet mehr, als ihr vielleicht denkt.

Gewalt gegen Frauen ist etwas, das Leben verändert. Und ich sage das heute nicht nur aus Statistiken oder Büchern heraus… sondern weil ich selbst weiß, wie sich Gewalt anfühlt. Für mich begann das Thema Gewalt nicht erst im Erwachsenenalter. Schon als Kind habe ich gelernt, dass Menschen, die dir nah sein sollten, dir manchmal am meisten wehtun können.

Ich wurde in einem Umfeld groß, in dem Worte oft schärfer waren als jede Hand… und in dem ich viel zu früh gelernt habe, leise zu sein, damit es nicht bloß schlimmer wird, damit ich bloß nicht mehr Ärger bekomme.

Es gab Erwachsene in meinem Leben, die mich nicht beschützt haben, sondern verletzt, sowohl mental als auch körperlich. Erwachsene, auf die ich eigentlich vertrauen sollte, waren für mich im Endeffekt nur Enttäuschung.

Und die Male, wo man schweigen muss, diese Verletzungen die man als Kind trägt…das nimmt man mit. Es prägt, wie du Liebe siehst, wie du Vertrauen verstehst und wie du sich selbst behandelst.

Doch heute stehe ich hier, weil ich dieses Schweigen nicht mehr weitergeben will.

Weil ich weiß, wie viele Kinder und junge Frauen genau jetzt dasselbe durchmachen – und glauben, sie müssten es einfach aushalten. Ich kenne dieses Gefühl, wenn Worte plötzlich Waffen werden. Wenn Kontrolle langsam beginnt, und man es erst merkt, wenn man schon mittendrin ist.

Ich kenne diese Stille, die man in sich trägt, weil man denkt, man sei vielleicht zu empfindlich… oder man übertreibt… oder man könnte noch ein bisschen mehr aushalten und so tun, als wäre alles okay. Dieses innere Zerreißen zwischen ‚Ich liebe diese Person‘ und ‚Das tut mir weh‘, das ist wie ein ständiger Krieg in dir selbst… ein Krieg, bei dem du immer etwas dabei verlierst, egal welche Seite du wählst.

Gewalt hat viele Formen. Und manche davon sind leise aber sie verletzen trotzdem. Und genau deshalb MÜSSEN wir darüber sprechen. Nicht nur heute. Nicht nur in diesen 16 Tagen. Sondern jeden Tag, an dem eine Frau Angst haben muss zu überleben, statt frei zu leben.

Das Problem ist groß. Jede dritte Frau in Europa erlebt Gewalt. Aber die schlimmste Zahl ist die, die wir nicht kennen: die Frauen, die schweigen, weil niemand zugehört hat, als sie gezittert haben. Die Frauen, die schweigen, weil ihnen nicht geglaubt werden.

Gewalt beginnt selten mit Schlägen. Sie beginnt mit Kontrolle. Mit dem Satz: Du brauchst niemand anderen außer mir. Mit dem Wegnehmen von Freiheit, Stück für Stück. Mit Schuldgefühlen, manipulativen Entschuldigungen, Drohungen, Einschüchterung. Das alles ist auch Gewalt.

Und wir müssen endlich aufhören, Frauen zu fragen: ‚Warum bist du nicht gegangen?‘ Die richtige Frage ist: ‚Warum hat er sie verletzt? Und warum hat niemand hingeschaut?‘

Trotz allem, was ich gesagt habe, stehe ich heute nicht hier als Opfer. Sondern als jemand, die überlebt hat … und als jemand, die weiß: Frauen sind unglaublich stark. Jede Frau, die je versucht hat, ihre Stimme wiederzufinden, nachdem sie gebrochen wurde – das ist Mut. Jede Frau, die einer Freundin zuhört, ohne zu urteilen – das ist Mut. Jeder Mensch, der heute hier ist – ist Teil dieser Veränderung.

Wir können Gewalt nicht von heute auf morgen aus der Welt verbannen. Aber wir können anfangen, Räume zu schaffen, in denen Frauen sicher sind. Räume, in denen sie glauben dürfen, gehört zu werden, ernst genommen werden. Und Räume, in denen Täter nicht länger geschützt werden.

Ich wünsche mir, dass wir nach heute nicht nur über Gewalt sprechen, sondern auch über Heilung. Über Grenzen. Über Respekt. Über Liebe, die nicht kontrolliert, sondern unterstützt. Lasst uns die Stimmen sein, die wir früher gebraucht hätten. Lasst uns füreinander einstehen. Lasst uns dafür sorgen, dass keine Frau allein bleibt.

Danke, dass ihr hier seid. Danke, dass ihr zuhört. Und danke, dass ihr Teil dieser Veränderung seid.“

Teilnehmerin Marina R.

FF/G.A.