DAS FENSTER ZUM GARTEN von Marc Chagall inspirierte BLUTSBRUDER von Claudia K.

BLUTSBRUDER

Es dämmerte bereits. Ich sitze im großen Esszimmer, die Gäste sind alle schon längst gegangen.

Niemand hat das dreckige Geschirr abgeräumt, also sitze ich hier und starre auf die Reste des Hühnchens, auf die Kartoffeln und die Überbleibseln des Gemüses.

Hier und da verunziert ein Saucenfleck das Tischtuch.

Noch jetzt spüre ich die drückende Stimmung, die das ganze Mittagessen über präsent war.

Mutter und Onkel Albert stritten sich wieder einmal um das Erbe. Wie jeden Sonntag.

Immer, wenn er sonntags zu uns zum Mittagessen kommt, wärmt er das alte Thema wieder auf. Dabei war alles ganz klar geregelt – Mutter bekommt das Haus und er das Geld. Es ist allein seine Schuld, dass er seine Hälfte verspielt hat. Jetzt versucht er Mutter einzureden, das Haus wäre viel mehr wert als sein mickriger Anteil.

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Wie schnell es dunkel wird zu dieser Jahreszeit.

Während ich anfange die schmutzigen Teller zu stapeln, fällt mein Blick auf unser altes, rostiges Klettergerüst im Garten. In dem Dämmerlicht sieht es beinahe gruselig aus.

Moment – bewegt sich etwa die Schaukel?

Trotz der niedrigen Temperaturen ist es sehr windstill für Oktober. Ich sehe mir die Bäume an. Im letzten Licht des Tages erkenne ich, wie vielfältig bunt sich die Blätter mit letzter Kraft noch an die Äste klammern. Aber es weht nicht das kleinste Lüftchen.

Vermutlich habe ich mich einfach getäuscht.

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In der Küche kratze ich die Reste von den Tellern und stelle diese in den Geschirrspüler.

Es hat ein leichter Nieselregen eingesetzt, passend zur allgemeinen Stimmung des Tages.

Mutter hatte sich nach dem Essen in ihrem Zimmer ein bisschen hingelegt. Ich sollte sie langsam wecken, sie hasst es, den ganzen Tag zu verschlafen.

Ich räume die letzten Gläser in die Spülmaschine und schalte ein. Ich nehme mir vor, das Tischtuch vor dem Waschen noch in der Badewanne einzuweichen, damit ja alle Flecken rausgehen.

Auf dem Weg zurück ins Esszimmer fallen mir einige kleine Pfützen auf dem Boden auf, die Richtung Treppe führen. Ich war bestimmt nicht draußen im Regen und Mutter schläft doch noch oben.

Verwirrt setze ich meinen Weg ins Esszimmer fort. Gerade bin ich noch dabei, das Tischtuch und die Stoffservietten einzusammeln, da schreckt mich ein lautes Poltern auf.

“Mutter!”

Ich habe ein ungutes Gefühl, mein Magen krampft sich zusammen.

Schnell lasse ich das Tischtuch fallen und sprinte die Treppe hinauf, nehme immer zwei Stufen auf einmal.

***

Oben angekommen sehe ich, dass die Tür zu Mutters Schlafzimmer sperrangelweit offen steht.

Ich haste hinein, mein Herz klopft mir bis zum Hals.

Eine undefinierbare Angst macht sich in mir breit, als ich um die Ecke und in das Zimmer hinein stürze…

Claudia K.

In der Schreibwerkstatt haben unsere Teilnehmer*innen die Möglichkeit den Umgang mit Sprache aus einer künstlerischen Perspektive zu begreifen. Die Betrachtung eines Kunstwerkes und ein anschließendes Brainstorming, soll dazu inspirieren Geschichten zu schreiben. Die Textsorte und das Genre bleibt den Teilnehmer*innen überlassen und soll die Kreativität anregen. Mit der Unterstützung der Trainer*in entstehen dabei kurze literarische Werke, die die Begeisterung fürs Schreiben wecken und das Selbstbewusstsein stärken.

Zum einen dient dieser Prozess als Vorbereitung auf diverse Aufnahmeprüfungen, bei denen das Sprachvermögen und die Ausdrucksweise auf ähnliche Weise getestet werden, zum anderen wird damit die Auseinandersetzung mit Sprache und die Erweiterung des Wortschatzes gefördert.