Adeline: Aus dem Blickwinkel meiner neuen Identität

Unter dem Titel „DIVÖRSITY“ finden erstmals die österreichischen Tage der Diversität statt.

Aus diesem Anlass erarbeiteten die Teilnehmer*innen der #futurefactory diverse Projekte, welche am 16. Oktober 2018 bei unserer Vernissage im Schulungszentrum Gasometer vorgestellt wurden.

Im Deutsch-Training bekamen unsere Teilnehmer*innen eine neue Identität und sie erzählten aus dem Alltag ihres neuen Ichs:

Mein Name ist Yusuf und ich bin 55 Jahre alt.

Ich bin seit zwanzig Jahren in Österreich und habe nur einen Iranischen Schulabschluss, aber ich bilde mich gerade weiter.

Meine Frau Daniela hat mich dazu motiviert noch eine neue Ausbildung anzufangen, obwohl ich schon ein hohes Alter habe. „Man lernt nie aus.“, sagt sie immer.

Ich habe zwei Stiefsöhne, sechzehn und dreizehn Jahre alt, auf die ich sehr stolz bin. Obwohl ich meine Familie sehr liebe, habe ich mich nie richtig geöffnet und habe niemanden den wahren Grund meiner Flucht nach Österreich erzählt.

Meine echte Identität ist Dolores, denn ich bin eine Trans-Frau: Mein größtes Geheimnis ist, dass ich Daniela nicht so liebe wie ich einen Mann lieben würde, ich sehe sie als beste Freundin, auf die ich mich immer verlassen kann.

Ich wollte mich eigentlich schon länger outen, doch wenn ich an Daniela denke, kamen die Schuldgefühle hoch. Ich schäme mich, dass ich sie nur aus gesellschaftlichen Gründen geheiratet habe. Damit ich „normal“ wirke.

Seit beginn meiner neuen Ausbildung wurde mir zum ersten Mal so richtig bewusst, dass die Welt durch Medien und Internet viel offener über Transsexualität geworden ist. Auf jeden Fall besser als vor zwanzig Jahren. Hätte ich meine zwei Söhne nicht, würde ich immer noch mit dem Smartphone und dem Internet kämpfen.

Mir ist aber auch bewusst, dass ich es in Österreich viel einfacher habe als wie in meinem Heimatland, Iraq. Dort gibt’s die Todesstrafe für das was ich bin. Dort sieht man mich nicht als Mensch.

Obwohl ich mir im Alltag sehr schwer tue, wegen meiner Kurzsichtigkeit, wird mir immer geholfen. Durch die neue positive Energie meiner Umgebung, habe ich mich entschieden den nächsten Schritt zu wagen. Ich werde mich outen und meiner Familie alles beichten.

Dass ich als Transsexuelle 55-Jährige einen Job finden werde, bezweifele ich sehr, doch es lohnt sich auf jeden Fall mir selbst für mein restliches Leben treu zu bleiben.

Ich hoffe, dass Daniela weiterhin meine beste Freundin bleiben wird.

 

–   Adeline